Methodenkonzepte Mobiler Jugendarbeit

Das Konzept Mobile Jugendarbeit gliedert sich in die vier zusammenhängenden Bereiche: Einzelfallhilfe, Street Work, Gruppenarbeit, und Gemeinwesenarbeit. Kennzeichen Mobile Jugendarbeit ist, dass alle vier Arbeitsbereiche konzeptionell miteinander verwoben sind.
 

Einzelfallhilfen

In der einzelfallbezogenen Arbeit begreifen sich Mobile Jugendarbeiter/innen zunächst für alle Probleme zuständig, die von Jugendlichen an sie herangetragen werden und bearbeiten diese im Kontext eines alltagorientierten Beratungsverständnisses (Thiersch 1992). Dies ist eine Konsequenz aus der Erfahrung, dass sich Jugendliche nur dann anvertrauen, wenn ein Stück Vertrautheit und Vertrauen vorhanden ist. Zur Bearbeitung von Schwierigkeiten wählen Jugendliche Erwachsene nicht nach offizieller Beratungszuständigkeit aus, sondern sind auf Gelegenheiten angewiesen, die sich bieten und die im Alltag verfügbar sind. Deshalb werden Mobile Jugendarbeiter/innen im Rahmen eines Erstkontaktes mit einer Vielzahl von Themen konfrontiert und erst in einem zweiten Schritt wird geklärt, ob Kontakte beispielsweise zur Schuldner- oder Drogenberatung aufgenommen werden. Dies wird im Einzelfall im weiteren Beratungsprozess und nach Maßgabe der Wünsche der Jugendlichen geklärt. Die persönliche Beratung schließt sowohl Krisenintervention als auch langfristige Beratung - soweit geboten - ein. Dies bedeutet, die vielschichtigen Probleme Jugendlicher in ihrer individuellen Lebenssituation ganzheitlich zu betrachten und entsprechende Hilfeprozesse zu entwickeln. Wo für einen einzelnen Jugendlichen einflussreiche andere Jugendliche, Freunde, Kumpels, die Clique, die Gang, eine hohe Bedeutung haben, werden diese - systemisch betrachtet - in den Hilfeprozess integriert. Gruppen- oder Clubarbeit bietet dafür den notwendigen Rahmen. Dies bedeutet etwa, dass die Akzeptanz der Mobilen Jugendarbeiter/innen als Gruppenpädagogen/innen den Zugang zum einzelnen Jugendlichen erst ermöglicht oder zumindest erleichtert.
 
Das Anbieten individueller und gruppenbezogener Beratung bezieht sich vorwiegend auf folgende Bereiche: Familie, Schule, Ausbildung, Clique, Arbeit und Arbeitslosigkeit, legaler und illegaler Drogenkonsum, Schuldenregulierung, Sexualität und AIDS-Bedrohung. Hinzu kommt der für delinquent handelnde, kranke oder drogenabhängige Jugendliche besonders bedeutsame Bereich des Umgangs mit Behörden, Ärzten, Kliniken, Kostenträgern, Polizei und Justiz, Gefängnissen und Opfern (Landesarbeitsgemeinschaft 1997).
 

Street Work - aufsuchende Jugendarbeit

Street Work als eine professionelle Arbeitsweise von Sozialarbeit und Sozialpädagogik, hat ihren Ursprung in den USA. Dort wurden Ende der 20er Jahre besonders in Großstädten im Zusammenhang mit steigender Jugendkriminalität entsprechende sozialpädagogische Programme eingerichtet. Als typische Zielgruppen dieses von der sozialen Einrichtung (Jugendbehörde, Beratungsstelle) räumlich losgelösten Hilfeansatzes auf der Straße, galt die youth gang, also eine lose strukturierte jugendliche Straßengruppe, Clique oder Jugendbande. Der Arbeitsplatz der Sozialarbeit wurde gewissermaßen an die Treff- und Aufenthaltsorte der Jugendlichen verlegt. Über die Jahre hinweg wurden für diese ambulante Beratungstätigkeit folgende Begriffe verwandt: street corner worker, street gang worker, area youth worker, outreach youth worker, street club worker und field worker.
 
Seit dem 2. Weltkrieg werden auch in fast allen westeuropäischen Ländern, in Afrika, Asien, Lateinamerika und Australien Streetwork-Ansätze praktiziert. Einige begriffliche Beispiele aus Europa seien genannt: In Großbritannien etwa unter dem Begriff „Detached Youthwork“ oder „Outreach Youthwork“ in den Niederlanden als „Street Corner Work“, in der Schweiz als „Gassenarbeit“ oder „Mobile Jugendarbeit“, in Frankreich ist die Rede von den „Travailleurs de la Rue“ und in Österreich und Deutschland sowohl von Streetwork als auch von Mobiler Jugendarbeit. Seit der globalen politischen Wende 1989/90 gibt es auch Ansätze Mobiler Jugendarbeit in osteuropäischen Ländern.
 
Street Work ist ein Methodenkonzept, das im Verständnis der Mobilen Jugendarbeit einmal die örtliche und gemeinwesenbezogene sozialräumliche Verankerung braucht und zum anderen Jugendlichen etwas konkretes anzubieten hat: Menschen, die für sie Zeit haben, ein Telefon, um mit Ämtern Kontakt aufzunehmen oder nach Arbeit zu fragen, eine Tasse Kaffee, eine Dusche, ein Ort, wo man zur Ruhe kommen kann, eine Anlaufstelle zur Bewältigung von Krisen, aber auch ein Ort, von dem Anregungen zur Freizeitgestaltung, Unterstützung bei der Durchsetzung von Wünschen nach einem eigenen Raum im Stadtteil oder Angeboten zu sozialen Erfahrungen mit anderen Jugendlichen ausgehen.
 

Gruppenarbeit - Arbeit mit Cliquen

Mobile Jugendarbeit ist auch entstanden als eine praktische Kritik an rein individualisierenden Ansätzen in der Jugendhilfe. Die Rolle der Gleichaltrigen als Sozialisationsinstanz, neben Elternhaus und Schule, wurden in den 60er-Jahren und teilweise auch heute noch von der Jugendhilfe nicht produktiv in ihre Reaktionsformen integriert. Mobile Jugendarbeit wendet sich an bestehende Cliquen und informelle Gruppen, weil diese Gruppierung zentrale Bedeutungen für die Herausbildung von Einstellung und Haltungen aber auch für die Bewältigung von Entwicklungsanforderungen für Kinder und Jugendliche haben. Der Begriff Clique wird häufig synonym verwandt mit den Begriffen peer oder peer-group und kennzeichnet einen Typus informeller Gruppen, die beschrieben werden können als „überschaubare Gebilde, in denen Bedürfnisse und Erlebnisse Vorrang haben. Die Zugehörigkeit hat eher flüchtigen Charakter und ist nicht an formelle Regeln gebunden. Die informellen Strukturen mögen mitunter hierarchische Züge aufweisen, unterliegen aber dem unmittelbaren Einfluss der Cliquenangehörigen“ (Liebel 1991:304-312). Cliquen zeigen zumeist lokale sozialräumliche Orientierungsmuster und unterscheiden sich darin zu Szenen, die offen und überlokal strukturiert sind und sich häufig entlang verschiedener Musik - und Lebensstile bilden.
 
Cliquen sind in ihrer Sozialstruktur durch „Gleichheit der Stellung im Verhältnis zueinander“ geprägt (Krappmann 1991:364). Darin unterscheiden sie sich auch von Jugendbanden oder gangs, die eine hierarchische Sozialstruktur von Führern und Geführten aufweisen.
 
Lange bevor sich die deutsche Jugendforschung der Cliquen angenommen hat, wurden in den USA die gangs, insbesondere der Jugendgangs untersucht. Die Tradition reicht weit zurück zu frühen Arbeiten der Chicagoer Schule sozialökologischer Kriminalitätsforschung und dem Klassiker der Gangforschung „The gang“ (Thrasher 1926).
 
Es gibt heute Formen des Überlebens, bei denen die Gleichaltrigengruppe, die Clique eine wichtige Bedeutung hat. Angesichts wachsender Individualisierung und dem zunehmenden Orientierungsverlust Jugendlicher, werden Cliquen heute häufig als „überlebenswichtige, zentrale Sozialisationsinstanzen“ (Ferchhoff 1990:72) beschrieben. Dies gilt insbesondere, wenn in der Familie zentrale Grundbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden. Hinzu kommt bei Cliquen häufig auch der Aspekt territorialer Aneignung und Durchsetzung, die Besetzung eines „turfs“, eines Hoheitsgebietes der Clique oder Gang im Wohnviertel oder Stadtteil. Dies gilt in besondere Weise beim Vorhandensein rivalisierender Cliquen.
 
Mobile Jugendarbeit greift diese Tatsachen im Rahmen ihrer Gruppen- und Clubarbeit konzeptionell auf und unterstützt vielfach sozial-räumliche Ansiedelungsprozesse im Wohngebiet der Jugendlichen. Hierzu gehören etwa die Schaffung von Freizeittreffs (Clubräume, Jugendzentren, Zugänge zu Gemeindezentren, Drop-ins u.a.) Im Kontext der Gruppe wird gemeinsam gelernt und verlernt, und es finden soziale Auseinandersetzung statt. Jugendliche erleben die Gruppe als Quelle der Anerkennung und Sicherheit, aber auch als stabilisierendes Korrektiv, wenn ihr Verhalten von der Clique missbilligt wird. Die Clique ist somit ein sozialer Ort, der Zugehörigkeit, Vertrauen, Status, Orientierung und Respekt vermittelt und damit fundamentale menschliche Bedürfnisse befriedigt. Sicherlich wird gesehen - wie es besonders häufig Eltern und Vertreter sozialer Kontrollinstanzen tun - dass die Clique, die Gruppe, die Gang auch Verführungsinstanz zu abweichendem Verhalten sein kann. Richtig, aber gerade deshalb richtet Mobile Jugendarbeit in solchen Cliquen die Aufmerksamkeit auf die positiven Stärken und Ressourcen aller Cliquenmitglieder. Diese können in ihrer produktiven Vielfalt sozial anerkannter Verhaltensweisen ein hochwirksames Korrektiv für abweichendes Verhalten von einzelnen Gruppenmitgliedern sein. Damit steht Mobile Jugendarbeit im Gegensatz zu repressiv-kontrollierenden Formen des Umgangs mit auffälligen Straßengruppen. Die erwähnten menschlichen Grundbedürfnisse werden offensichtlich in den anderen sozialen Alltagskontexten (Familie, Schule, Beruf, Arbeit) des Jugendlichen nicht ausreichend befriedigt und brauchen daher Ergänzungsmöglichkeiten oder Ersatz, den Cliquen und Gruppen gewähren.
 
Diese positiven Ressourcen und Potenziale in jugendlichen Gruppen sind es, die Mobile Jugendarbeit veranlassen, sie zum Ausgangspunkt pädagogischer Prozesse zu nehmen und sie für den einzelnen Jugendlichen in einer prekären Lebenslage zu nutzen. Dazu bedarf es einer längerfristigen Beziehungsarbeit, die im Kontext von attraktiven Freizeitangeboten, „funktionellen Äquivalenten“ (s.o.) und systematischer Gruppenarbeit entfaltet werden (Häberlein, V./Klenk, B. 1997:124-132).
 

Gemeinwesenarbeit

Da Integration und Ausgrenzung, Akzeptanz und Ablehnung, Problementstehung und Problemlösung häufig im unmittelbaren Umfeld von jungen Menschen stattfinden, legt Mobile Jugendarbeit einen Schwerpunkt auf die Gemeinwesenbezogenheit der Arbeit. Sie ist dabei inspiriert von amerikanischen Vorbildern, wie der Arbeit von Saul Alinsky (1973) und Konzepten aktivierender und konfliktorientierter Gemeinwesenarbeit von Bahr/Gronemeyer (1974), aber auch von analytischen Gemeinwesenzugängen, wie sie bereits in der Settlementbewegung Ende des 19. Jahrhunderts praktiziert wurden (Müller 1988). Mit Feld- oder Sozialraumanalysen werden die Eckpunkte Mobiler Jugendarbeit entlang örtlicher Bedarfslagen ermittelt und im Sinne kleinräumiger Jugendhilfeplanung umgesetzt (vgl. Specht 1979, 1980 und 1992). Zur Gemeinwesenbezogenheit Mobiler Jugendarbeit gehört auch, dass auf der örtlichen Ebene bestehende Angebote im Sinne eines institutionellen Gemeinwesennetzwerkes zusammengeführt und dafür notwendige Gremienstrukturen geschaffen werden, wie beispielsweise Stadtteilarbeitskreise. Mit der Präsenz im Gemeinwesen, durch ein Büro als Anlaufstelle im Stadtteil und Cliquenräumen wird die Voraussetzung dafür geschaffen, mit Bürgerinnen und Bürgern in Kontakt zu kommen. Über die Arbeit mit Jugendlichen und Familien hinaus sind alle Bewohnergruppen im Stadtteil oder in der Gemeinde Adressat zielgerichteter Aktionen, die dazu beitragen können, das soziale Klima im Gemeinwesen zu verbessern oder zu Formen produktiver Bewältigung sozialer oder politischer Konflikte zu gelangen. Das im Modelprojekt „Hallschlag“ 1985 entwickelte Konzept der ‚Laienberater’ spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine gewichtige Rolle. Ehemals gefährdete Jugendliche oder engagierte Ehrenamtliche aus dem Stadtteil werden im Verlauf sozialpädagogischer Prozesse zu positiven Modellen für jüngere Cliquen- bzw. Clubmitgliedern und sind sowohl Protagonisten für die Interessen der Jugendlichen selbst als auch eine Instanz demokratischer Kontrolle sozialer Arbeit.
 
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